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Mit Grenzen leben

November 26, 2023

Unser ganzes Leben lang werden wir mit Grenzen konfrontiert. Was bedeuten denn „Grenzen“ und wozu sind sie gut? Wie können sie erweitert werden, wenn wir darunter leiden, besonders im Alter? Über dieses Thema sprach Vreni Theobald zu 35 interessierten Zuhörerinnen am Frauentreff vom 20. September 2023.

Grenzen sind nötig, engen aber auch ein
Grenzenlosigkeit gibt es nicht auf dieser Erde. Doch gerade durch Begrenzung entsteht ein Raum, den man gestalten und verwalten kann, ein „Lebensraum“. Grenzen sind gut, denn sie geben Sicherheit, Orientierung, Schutz und Geborgenheit. Sie stecken einen Rahmen ab, in dem man sich bewegen kann.
Grenzen können aber auch einengen. Es gibt Sicherheitsliebende, das sind die Grenzwächter und Bewahrer, jene, welche die Grenzen lieber nicht zu weit stecken wollen. Das gibt Schutz und Klarheit. Darüber ärgern sich die Freiheitsliebenden, die die Grenzen erweitern möchten.

Grenzübertretungen und gesunde Abgrenzung
Aus der Geschichte wissen wir, wie viele Kriege gegen Nachbarvölker geführt wurden und immer noch geführt werden, um die eigenen Grenzen zu erweitern, mehr Land und Raum einzunehmen, an Macht und Einfluss zuzunehmen. Es gibt aber auch bei Menschen richtige Grenzübertreter, die die Grenzen anderer ganz schlecht wahrnehmen. Alle Übergriffe ins Leben eines anderen, sei es nun sexueller Art oder dass man jemanden bevormundet oder über ihn verfügt, sind Grenzverletzungen.

Die Grenzziehungen Gottes, die 10 Gebote, sind eigentlich eine grosse Lebenshilfe, z.B. mit der Grenze, die Gott um das Eigentum eines Menschen zieht mit dem Wort: „Du sollst nicht stehlen“, auch lügen, verleumden und neiden sind Grenzverletzungen.

Wir müssen gut darauf achten, dass wir selbst Grenzen setzen und dazu stehen. Denn jeder ist ja auch selbst begrenzt, die einen haben ein recht grosses Kraftreservoir zur Verfügung, bei anderen sind die Grenzen enger gesteckt. Ich darf mein eigenes Mass finden, muss nicht alles können und wissen, ich darf begrenzt sein. Das zu akzeptieren ist entlastend. Wer keine Grenzen akzeptiert, wird süchtig. Sucht hat auch etwas mit Grenzen zu tun. Wer süchtig ist, hat das Gespür für seine eigene Grenze verloren und ist masslos geworden.

Grenzen anderer respektieren – einander ergänzen
Jeder Mensch hat seine Grenzen, einerseits in der Begabung, im Können und Vermögen – andererseits auch in seiner Art. Weil jeder begrenzt ist, braucht er andere, die ihn ergänzen. Die beiden Wörter „Team“ und „Ergänzung“ kennen nur die Menschen, die ihre Gaben und Grenzen erkennen und akzeptieren und um die Gaben und Grenzen der anderen wissen – und sie auch anerkennen und gelten lassen. Wer Grenzen hat, braucht auch Hilfe – und da, wo wir nicht mehr weiterkommen und an unsere Grenzen stossen, da rufen wir zu Gott.

Grenzerweiterung – Grenzen überspringen
Der christliche Glaube bezieht Gott, den Allmächtigen, den Grenzenlosen mit ein und rechnet mit der Wirkkraft der himmlischen Welt, mit dem Übernatürlichen, mit Wundern. Der Glaube an Gott hat diese Grenzen-sprengende Kraft in sich, die den nötigen Mut gibt: „Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen!“ (Psalm 18,30) Gott ist da und möchte herausführen aus unseren Gefängnissen, indem er uns sagt: Du bist kostbar und wertvoll in meinen Augen, und ich habe dich lieb!

Altersgrenze und Begrenzung des Lebens
Das Alter führt uns in neue Grenzziehungen hinein. Man verliert an Selbständigkeit, leidet an gesundheitlichen Problemen, an eingeschränkter Mobilität, Einsamkeit, Gedächtnisschwächen und Müdigkeit. Doch es gibt auch eine Grenzerweiterung im Alter, und diese geht nach „oben“ und in die Herzenstiefe und –weite. Dazu eine kleine und wahre Begebenheit:
Ein vormals wohlhabender chinesischer Christ, der seines Glaubens wegen wirtschaftlichen Ruin erfuhr, musste sein schönes, weites Grundstück gegen ein sehr kleines tauschen. Seine Freunde bedauerten ihn. „Ja“, soll er geantwortet haben, „mein Grundstück ist nicht lang und breit“. Dann zeigte er mit dem Finger nach oben und sagte: „Aber es ist sehr, sehr hoch!“
Es sind Lernprozesse, Umdenkprozesse, die bei uns nötig sind: Wir lernen, die Altersgrenze zu akzeptieren und auch mit jener der anderen gut umzugehen. Wer Grenzen annimmt, kann sich mit ihnen versöhnen und innerhalb der Grenzen etwas Schönes gestalten.

Die Tage unseres Lebens sind begrenzt. Aber gerade bei der letzten Grenze, beim Tod, erfahren wir, dass diese Grenze durchlässig ist, weil sie sich öffnet zur Ewigkeit hin. „Wer glaubt, ist aus dem Tod ins Leben hinübergegangen“, sagt uns der Apostel Johannes (5,24). Und er meint damit nicht nur den physischen Tod und das Überschreiten der Grenze hinein ins ewige Leben. Er spricht damit an, dass wir mit unserer begrenzten Wahrnehmung ja nur das sehen und erklären können, was in der sichtbaren Welt ist. Es gibt aber auch die unsichtbare Wirklichkeit, an die wir hie und da rühren und von der wir etwas bemerken, vor allem in den Grenzsituationen des Lebens. Der Glaube an Gott und die himmlische Welt möchte unser Leben und unsere Erfahrung weiten, über die Grenze hinausführen – damit wir in Berührung kommen mit dem Leben, das von Gott kommt, mit Gottes Liebe, mit dem Ewigen und Unbegrenzten. Denn Gott ist unbegrenzt und die Ewigkeit ist es auch.

Ruth Bättig, Frauentreff Turbenthal